Zwischen Bürgerwunsch und Gemeinwohl: Die Psychologie der Wedeler Kommunalpolitik

Wer die Politik in Wedel beobachtet, reibt sich manchmal verwundert die Augen: Warum dauert ein Bauprojekt so lange? Weshalb wird Geld für die eine Sache ausgegeben, während an anderer Stelle gespart werden muss? Und vor allem: Hören „die da oben“ überhaupt zu? Um diese Fragen zu beantworten, hilft ein Blick hinter die Kulissen der Ratsversammlung und das Verständnis der psychologischen Mechanismen, die unser Zusammenleben prägen.

Das Ehrenamt: Nachbarn gestalten für Nachbarn

Ein zentraler Punkt wird im Alltag oft übersehen: Die 40 Mitglieder des Rates der Stadt Wedel sind keine Berufspolitiker. Sie üben ihr Mandat ehrenamtlich aus, gehen meist einem regulären Beruf nach und erhalten für ihren Einsatz lediglich eine Aufwandsentschädigung oder Sitzungsgelder.

Rechtlich verfügen sie über ein freies Mandat. Das bedeutet, sie sind nicht an Aufträge oder Weisungen von Wählern gebunden, sondern treffen Entscheidungen nach ihrer freien, durch das öffentliche Wohl bestimmten Überzeugung. Psychologisch entsteht hier jedoch eine enorme Belastung: Der so genannte „Supermarkt-Effekt“ beschreibt, dass lokale Entscheider im privaten Alltag – beim Einkaufen oder im Verein – unmittelbar auf ihre Beschlüsse angesprochen werden. Diese mangelnde Distanz zwischen Amt und Privatsphäre führt oft dazu, dass lokale Akteure versuchen, Konflikten durch Kompromisse auszuweichen, um den sozialen Frieden in der Nachbarschaft nicht zu gefährden.

Wer entscheidet was? Die Rollenteilung im Rathaus

In Wedel ist die Arbeit klar zwischen der politischen Steuerung und dem Verwaltungshandeln getrennt:

  • Der Rat und die Ausschüsse (Die Politik): Die gewählten Ratsmitglieder setzen die Prioritäten und beschließen die grundlegende Richtung. In Wedel bereiten fünf Fachunterausschüsse – für Planung (PLA), Bildung, Kultur und Sport (BKS), Soziales (SOZ), Umwelt, Bau und Feuerwehr (UBF) sowie der Haupt- und Finanzausschuss (HFA) – diese Entscheidungen vor.
  • Die Bürgermeisterin und die Verwaltung (Die Umsetzung): Die Verwaltung unter Leitung der Bürgermeisterin führt die Beschlüsse des Rates aus. Sie erledigt zudem die „Geschäfte der laufenden Verwaltung“, also das tägliche Regelgeschäft, das keinen politischen Spielraum erfordert.

Wichtig ist dabei: Lokalpolitiker können nur über Dinge entscheiden, die in die Zuständigkeit der Stadt fallen. Über Bundesgesetze oder Landessteuern können sie nicht befinden, auch wenn diese das Leben in Wedel direkt beeinflussen.

Psychologische Distanz: Warum wir oft verschieden auf die Stadt blicken

Warum sind wir uns bei großen Zielen (wie dem Klimaschutz) oft einig, streiten uns aber heftig beim Bau eines Radwegs in der eigenen Straße? Die Psychologie erklärt dies mit der Construal Level Theory:

  • Die ferne Perspektive (High-Level): Denken wir über abstrakte Ziele oder ferne Ereignisse nach, sehen wir „den Wald“. Wir konzentrieren uns auf das „Warum“ und übergeordnete Werte.
  • Die nahe Perspektive (Low-Level): Sobald eine Entscheidung unsere eigene Nachbarschaft betrifft, sehen wir „die Bäume“. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich hin zum Konkreten: zum Baulärm, zur Parkplatzsituation oder zum Immobilienwert.

Die eigene Nachbarschaft dient vielen Menschen als emotionaler Anker und „sichere Basis“. Geplante Veränderungen können daher als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen werden. Widerstand vor Ort ist also oft kein reiner Egoismus, sondern eine tiefe emotionale Reaktion auf die Veränderung des vertrauten Lebensumfeldes.

„Vertrauen kann man nicht produzieren, es wird geschenkt. Es basiert darauf, ob die Verantwortlichen als kompetent, integer und am Gemeinwohl orientiert wahrgenommen werden.“

Das „NIMBY“-Phänomen und die soziale Gerechtigkeit

Häufig fällt der Begriff NIMBY („Not In My Backyard“ – nicht in meinem Hinterhof). Er wird oft abwertend genutzt, um Kritik als egoistisch darzustellen. Die Forschung zeigt jedoch, dass sich dahinter meist legitime Fragen der sozialen Gerechtigkeit verbergen. Protest entsteht oft dann, wenn Lasten (wie Lärm oder optische Beeinträchtigungen) lokal konzentriert werden, während der Nutzen der Allgemeinheit zugute kommt. Akzeptanz entsteht hier seltener durch Geld, sondern vor allem durch das Gefühl, fair behandelt, respektvoll angehört und frühzeitig einbezogen zu werden.

Finanzielle Realität: Warum nicht jeder Wunsch erfüllbar ist

Dass Entscheidungen oft als unbefriedigend empfunden werden, liegt selten an mangelndem Willen, sondern an der harten wirtschaftlichen Lage. Wedel steht vor einem erheblichen Haushaltsdefiziten. In einer solchen Situation gilt: Pflichtaufgaben gehen vor. Die Stadt muss zuerst gesetzlich vorgeschriebene Aufgaben wie Schulen, Kitas, die Feuerwehr und die Unterbringung von Geflüchteten finanzieren. Erst wenn danach Mittel übrig bleiben, können „freiwillige Leistungen“ wie Sportförderung oder Kulturprojekte bedacht werden. Jedes „Ja“ zu einem neuen Projekt führt bei knappen Kassen zwangsläufig zu einem „Nein“ an anderer Stelle.

Fazit

Kommunalpolitik in Wedel ist die Kunst des Möglichen innerhalb enger finanzieller und rechtlicher Grenzen. Sie lebt vom Dialog und erfordert das gegenseitige Verständnis dafür, dass wir dieselbe Stadt oft aus völlig unterschiedlichen psychologischen Perspektiven betrachten. Nur durch Transparenz und eine ehrliche Abwägung zwischen individuellen Interessen und dem Wohl der Allgemeinheit kann das Vertrauen in unsere lokale Demokratie erhalten bleiben.

Kommunalpolitik ist wie das Gärtnern in einem Gemeinschaftsgarten: Man kann nicht nur die eigenen Lieblingsblumen pflanzen, sondern muss darauf achten, dass der gesamte Garten für alle gedeiht, der Boden nicht ausgelaugt wird und der Zaun für alle sicher steht.

Quellenverzeichnis

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    Ich finde die Ansiedelung von DHL gut und würde das gerne so beschloßen sehen. Die Idee eines zusätlichen EDEKA sehe ich skeptisch. Was garantiert uns das der Eigentümer nich EDEKAs an anderen Stellen in Wedel dafür schließt. Der EDEKA in den Welau-Arkaden wäre ein Ankermieter sein weggeang würde der Bahnhofstraße[…]
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    Da stimme ich Ihnen in weiten Teilen zu – insbesondere was die Notwendigkeit angeht, diesen „Schandfleck“ endlich sinnvoll zu entwickeln. Eine wirtschaftliche Nutzung mit dem Ziel, neue Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu generieren, ist aus Sicht der CDU absolut wünschenswert. Was mögliche Ansiedlungen wie DHL betrifft: Bisher liegen uns[…]
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    Die Annahme ergibt sich direkt aus den im Artikel genannten Punkten.
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    Worauf beruht die Annahme, das sich kein Investor für ein privat betriebenes Bad finden würde ?  
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    Frank fuchs kommentierte auf Samstag, 22. März 2025 07:27
    Fest steht, das das Gelände im jetzigen Zustand einen Schandfleck darstellt. Man sollte jede Möglichkeit nutzen, dort ein Unternehmen anzusiedeln. Wenn DHL in Wedel investieren möchte, wird doch sicherlich so etwas wie eine Machbarkeitsstudie existieren,auf die man aufbauen könnte. Es ist doch so: Ohne zusätzliche Steuereinnahmen kein Raum fü[…]
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    Ein Hinweis. Bei einem Betriebsübergang nach § 613a BGB werden auch die Arbeitsverträge übernommen. Eine Kündigung der Arbeitnehmer ist rechtlich selten durchsetzbar.